Europa 1992: Umbrüche

Unruhige Zeiten

IAWA-Madrid 1992

Das Jahr 1992 war geprägt von innen- und außenpolitischen Spannungen und extremen Gewaltausbrüchen – insbesondere durch rassistische, nationalistische und frauenfeindliche Tendenzen.

Die Pogrome gegen Migrant*innen in Ost- und Westdeutschland sowie die nationalistisch motivierten Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien markierten einen dramatischen Wendepunkt. Die anfängliche Euphorie über geöffnete Grenzen wich schnell der Ernüchterung.

In vielen postsozialistischen Gesellschaften erstarkten nationalistische und männlich-militaristische Strukturen. Wirtschaftliche Krisen verschärften die Lage zusätzlich und führten zur Ausgrenzung von Frauen, ethnischen Minderheiten, Migrantinnen und Schwarzen Frauen – auch in Westeuropa. Für die FAS und insbesondere FAS-Europa bedeutete dies, emanzipatorische, antirassistische und feministische Antworten auf diese Herausforderungen zu entwickeln und umzusetzen.

Themenschwerpunkte 1992

Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen spiegelten sich in den 19 internationalen Begegnungsprogrammen wider, darunter:

  • Frauen in Ost- und Mittel-Europa (Jiloviste bei Prag, Tschechische Republik)
  • Ökonomische und rechtliche Dimensionen der Frauenarbeit in Europa (Köln)
  • Gewalt gegen Frauen im Krieg des ehemaligen Jugoslawiens (Zagreb, Kroatien)
  • Frauen im heutigen Polen (Krakau, Polen)
  • Autonomiebestrebungen feministischer Gruppierungen (Georgien)

Neue Projekte in Ost- und Mitteleuropa

Im Jahr 1992 starteten aus Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) zwei bedeutende, auf drei Jahre angelegte Projekte:

Moskau: Zentrum für Projektmanagement, Beratung und Training für Frauen

In der Periode der größten gesellschaftspolitischen Umwälzungen in Russland hatte eine Gruppe von Frauen den Mut, sich um ihre eigenen existenziellen Belange zu kümmern. Sie gründeten ein Schulungszentrum zur Vermittlung von Grundlagen der digitalen Kommunikation. Die Kurse wurden nicht nur vor Ort durchgeführt, sondern waren von Anfang an als Fernunterricht konzipiert und beinhalteten „Training for Trainers“-Programme. Das Angebot erweiterte sich bald um Existenzgründungsschulungen. Es entstand ein russlandweites Netz von Frauen-Initiativen und -gruppen, die sich für die Weiterbildung und Professionalisierung der Frauen eingesetzt haben. Darüber hinaus engagierten sie sich politisch vehement für die Rechte der Frauen regional und überregional.

Partnerinnenorganisation: ZhIF Zhenskyi Innovatsionny Fond (Frauen-Innovations-Fond) Moskau, Russland. Laufzeit: 1992-1995

Warschau: Frauenkultur- und -bildungszentrum
T-Shirt des Centrum Kobiet

Schon seit Anfang der 80ger Jahre war eine Gruppe von autonomen Frauen aktiv, die ohne Räume, ohne feste Strukturen, ohne finanzielle Unterstützung für Frauenrechte in die Öffentlichkeit gingen. Das Recht auf legale Abtreibung und Gesundheitsschutz war die zentrale Forderung. Die Zusammenarbeit mit weiteren Frauengruppen führte zur Gründung des Polnisch-Feministischen Verbandes. Daran knüpfte die FrauenAnstiftung an. Das Centrum Kobiet – Kultura – Informacja – Edukacja (Frauenzentrum – Kultur – Information – Bildung) mit Bibliothek, Archiv, Videothek entwickelte sich zu einem Anziehungspunkt für interessierte Frauen, die die Seminar- und Schulungsangebote, Rechtsberatung und die Möglichkeit zum Austausch nutzten. Mit Lobbying, Eingaben, Petitionen und auch direkter Mitarbeit auf regionaler und nationaler Ebene konnte das Frauenzentrum Einfluss nehmen auf Gesetzes- und Rechtsprechungsfragen wie Gleichstellung von Frauen und Männern, Anti-Abtreibungsgesetz, Paraphrasierungen der neuen Verfassung.

Partnerinnenorganisation: PFG Polnisch-Feministische Gesellschaft, Warschau, Polen. Laufzeit 1992-1995


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