Europa 1995: Reform

Neue Impulse und Abschied

Im Jahr 1995 stand die FAS vor wichtigen Weichenstellungen: Die Reformdebatte innerhalb der drei Teilstiftungen wurde intensiv geführt und endete mit dem Beschluss, bis 1997 alle Teilstiftungen zu einer neuen, gemeinsamen Stiftung zu fusionieren. Die FAS setzte dabei klare inhaltliche Schwerpunkte auf Integration, Autonomie und Geschlechterdemokratie.

Stärkung durch Austausch: Hippo-Camp

Ein besonderes Highlight war die zweiwöchige Sommerschule im Juli 1995 in Pobrezje, Slowenien. Unter dem Namen „Hippo“ (Flusspferd) kamen 185 Frauen und 40 Kinder aus 19 Ländern zusammen. Aus über 100 Kursangeboten konnten sie wählen, sich vernetzen, voneinander lernen und neue Impulse für ihre Projekte gewinnen. Trotz des Schattens des Bosnien-Krieges, der die Region zur gleichen Zeit erschütterte, war die Sommerschule ein starkes Zeichen für Solidarität, Empowerment und internationale Zusammenarbeit. Mehr dazu

Neue Projekte in Ost- und Mitteleuropa

Istanbul (Türkei): Frauenzeitschrift Pazartesi

Die Frauenzeitung für die Türkei „Pazartesi“ wurde von der Stiftung „Frauenkultur und Kommunikation“ ins Leben gerufen. Die erste Ausgabe erschien am 8. März 1995 und von da an monatlich mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Die Zeitung verfolgte mehrere Ziele: zur Bewusstseinsbildung in einer größeren Öffentlichkeit über frauenspezifische Belange beizutragen, Information und Vernetzung von Frauen voranzutreiben, auf öffentliche Medien und Regierungspolitik zugunsten von Frauen Einfluss zu nehmen. Entsprechend der jeweiligen Schwerpunktthemen fanden Informations- und Diskussionsveranstaltungen statt. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Frauengruppen baute das Redaktionsteam eine Bibliothek und ein Archiv auf. „Pazartesi“ fand großes Echo in der Türkei und unter den Migrantinnen in Deutschland.
* Siehe dazu Blogbeitrag „Die türkische Zeitschrift „Pazartesi“

Partnerinnenorganisation: Initiativgruppe für die Frauenzeitschrift Istanbul, Türkei, Förderzeitraum: 1995-1997

Belgrad (Serbien): Frauenstudien-Zentrum

Das Frauenstudien-Zentrum begann seine Arbeit bereits 1992 mit Vorlesungsreihen, Workshops und öffentlichen Diskussionsveranstaltungen zu frauenpolitischen Themen aus etwa 10 Fachgebieten. Im Mittelpunkt stand die Stärkung des Selbstbewusstseins und der psychischen Stabilisierung der Frauen auf dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzungen Anfang der 90ger Jahre. Parallel arbeitete das Zentrum an der Weiterentwicklung frauenspezifischer Forschungsinhalte und Programmen zur politischen Bewusstseinsbildung. Es verortete sich im gesamtjugoslawischen Frauenprojekte-Netzwerk.

Partnerinnenorganisation: Women’s Studies Center Belgrade, Belgrad, Serbien, Förderzeitraum: 1995-1999

Krakau (Polen): Frauenberatungszentrum eFKA

Den Gründerinnen von eFKa ging es um die unmittelbare Hilfe für Frauen in Krisensituationen: bei Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung im öffentlichen Leben wie in der Familie, von Schwangerschaftskonflikten, von Gewalt insbesondere in Ehe und Partnerschaften. Sie bauten ein Frauen-Krisentelefon auf. Damit war gleichzeitig der Gedanke verbunden, diese Tabuthemen anzusprechen und aufzubrechen und somit den Frauen neue Lebensperspektiven zu eröffnen. Der Hintergrund, auf dem sich die Dramen für die Frauen abspielen, ist dem patriarchalen Frauen- und Männerbild geschuldet, grundsätzlich noch verstärkt von der katholischen Kirche Polens. Die Frauen von eFKa nahmen deshalb verstärkt die Frauen in den Blick, die nicht in die traditionelle Frauenrolle passten wie nicht-verheiratete, kinderlose, alleinstehende und ältere sowie lesbisch lebende Frauen. Durch die Förderung der FrauenAnstiftung baute das Krisentelefon sein Angebot und seine Kompetenzen weiter aus: größere Räume, solide Ausstattung, Aufbau von Selbsterfahrungsgruppen und Etablierung enger Kooperationen mit Juristinnen, Psychologinnen und Frauenärztinnen. 

Partnerinnenorganisation: Frauenstiftung eFKa, Krakau, Polen
Förderzeitraum: 1995-1997

Tbilissi (Georgien): Frauenbildungszentrum

Die FrauenAnstiftung baute zusammen mit dem Kultur- und Bildungsverein Tbilissi ein Zentrum für gesellschaftspolitische Bildungsarbeit für Frauen auf. Mit der Bildungsarbeit war das Ziel verbunden, eine Grundlage zur Förderung des Selbstbewusstseins von Frauen schaffen, um ihre frauenpolitischen Forderungen mit Nachdruck in die gesellschaftlichen Debatten angesichts der großen Umbrüche in Georgien einzubringen. Damit einher gingen Qualifizierungs- und Weiterbildungsprogramme, die die Frauen in die Lage versetzen sollten, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Die weiteren Aktivitäten galten insbesondere der Öffentlichkeitsarbeit, die eine Sensibilisierung für frauenspezifische Forderungen erreichen sollte, und der Vernetzung innerhalb des Landes sowie international.

Partnerinnenorganisation: Internationaler Kultur-, Bildungs- und Informationsverein e.V., Tbilissi, Georgien. Förderzeitraum: 1995-1999

Bilanz der Projektarbeit

Im BMZ-Bereich (Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit) lag der Fokus auf dem Ausbau und der Stärkung bestehender Frauenzentren für Forschung, Bildung, Dokumentation und Medien in Mittel- und Osteuropa. Für fünf Projekte endete 1995 die erste Förderphase – ein beachtlicher Erfolg, da sie sich in oft extrem feminismusfeindlichen Gesellschaften behaupten mussten. Dennoch konnten sie sich innerhalb von drei Jahren als anerkannte Frauen-NGOs etablieren. Zu den Erfolgen zählen unter anderem:

  • Einführung der Gender Studies als Lehrfach an der Prager Universität
  • Anerkennung als Expertinnen für Frauenbelange in Schulen, Ministerien und Medien
  • Unterstützung von Kampagnen, etwa zur Wahl einer Präsidentschaftskandidatin in Russland oder bei Protesten gegen das Abtreibungsverbot in Polen
  • Aufbrechen von Tabuthemen wie Gewalt gegen Frauen und Kinder, Prostitution und die Existenz lesbischer Frauen

Broschüre „Auftakt“
Eine ausführliche Beschreibung aller mehrjährigen Projekte des Bereichs Europa ist in der Publikation „Auftakt“ zu finden.
Hamburg 1995


Eine Übersicht aller Aktivitäten des Europabereichs finden Sie auf folgenden Seiten:

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