Engagement in Zeiten des Umbruchs
1993 prägten die tiefgreifenden Veränderungen nach der Wende und dem Zusammenbruch des Realsozialismus weiterhin die gesellschaftliche Entwicklung. Weltweit nahm rassistische, nationalistische, homophobe und frauenfeindliche Gewalt weiter zu. Die FrauenAnstiftung reagierte darauf mit verstärkten Aktivitäten. Dabei ging es vorrangig um den Schutz und die Unterstützung betroffener Frauen im In- wie im Ausland. Besonderes Augenmerk galt dabei auch den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Projekte. Zugleich wurde die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen Inland, Europa und Globaler Süden weiter ausgebaut und vernetzt.
Vernetzungs- und Begegnungsprogramme im Jahr 1993
Im Fokus stand die Fortführung und Intensivierung der europaweiten Begegnungs- und Vernetzungsprogramme. Insgesamt wurden 20 Programme realisiert. Die Themen reichten von der Absicherung sozialer, ökonomischer, politischer und rechtlicher Lebens- und Arbeitsbedingungen über demokratisch-feministische Gesellschaftspolitik und Strategien gegen Rassismus und Sexismus bis hin zur Teilhabe von Frauen in Kunst und Kultur sowie Aspekten feministischer und lesbischer Theorie und Praxis.
Großes Echo fanden insbesondere folgende Tagungen:
- Nationalismus und Feminismus (Juni 1993, Bratislava/Slowakei)
- Sozialismus und Feminismus (Dezember 1993, Hamburg)
- Feministische Deutung von Zeichen (Oktober 1993, Wien)
Ausbau von Frauenprojekten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa
1993 markierte den Beginn des systematischen Auf- und Ausbaus mehrjähriger Frauenforschungs-, Bildungs-, Dokumentations- und Beratungszentren in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie den GUS-Staaten. Im Mittelpunkt standen die Absicherung der Rahmenbedingungen, der Aufbau der Infrastruktur und Materialhilfen. Die FAS war in dieser Zeit die einzige Organisation, die sich in diesem Umfang konzeptionell und finanziell für Frauenbelange engagierte.
St. Petersburg: Frauenforschungs-, Informations- und Bildungszentrum
Dieses Projekt war das erste in Russland, dass sich explizit zum Ziel gesetzt hatte, die Themen Frauendiskriminierung, Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterdemokratie unter feministischen Aspekten zu bearbeiten und in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Schwerpunkte: Geschichte der Frauenbewegung, aktuelle Lage der Frau, Psychologie und feministische Psychotherapie, feministische Theorie und Methodologie, kulturologische Aspekte in der Genderforschung, Gesundheit und Reproduktionsrechte von Frauen. Das Zentrum bot Seminare, Vorlesungen, Studien und Weiterbildung an, aber auch Selbstverteidigungskurse. Darüber hinaus initiierte es Anlaufstellen für Sexualaufklärung und Gesundheitsfragen und für von Gewalt betroffene Frauen. Von Anfang an legte das Zentrum großen Wert auf Öffentlichkeitsarbeit und regionale und internationale Vernetzung.
Partnerinnenorganisation: Petersburg Center for Gender Issues (Petersburger Zentrum für Geschlechterfragen), Moskau, Russland
1. Förderzeitraum: 1993-1995, 2. Förderzeitraum: 1995-1999
Moskau: Frauenarchiv, -bibliothek und Datenbank
Den Gründerinnen ging es darum, einen Ort zu etablieren, der die Frauengeschichte Russlands in den verschiedenen Perioden und in allen Aspekten sammelt, sichert und zur Verfügung stellt. Sie handelten nach dem Motto: Wer die eigene Geschichte nicht kennt, kann keine Zukunftsvisionen entwickeln. Das Archiv diente der wissenschaftlichen Aufbewahrung und Aufarbeitung der gesichteten Materialien – gleich welches Medium – und der Bereitstellung für die Öffentlichkeit. Der zweite Bereich, die Bibliothek, konnte bereits auf einem Grundstock aufbauen und wurde systematisch erweitert, v. a. durch periodische oder regionale Veröffentlichungen. Besonderes Augenmerk legten die Initiatorinnen auf die Sammlung und Darstellung frauenspezifischer Themen wie die ökonomische und rechtliche Situation der Frauen in der aktuellen Umbruchphase Russlands, der Familien- und Genderpolitik. Die Datenbank sollte schließlich mit Informationen u. a. über alle Frauenorganisationen, aktuelle Ereignisse in der Frauenbewegung, Forschungs- und Informationsnetze – national und international – bestückt werden. Auf dieser Grundlage verfolgte ADL eine konsequente Öffentlichkeitsarbeit bis in die entlegensten Teile Russlands.
Partnerinnenorganisation: ADL Moskow Women’s Archive, Data Base and Library; Moskau, Russland, Förderzeitraum: 1993-1995
Prag: Curriculumzentrum für Gender Studies
Die Auflösung der Ost-West-Blöcke, die politische Wende ermöglichte den Frauen sich mit großer Neugierde aufeinander zuzubewegen, sich auszutauschen. So begann 1990 mit einem Besuch einer Soziologin aus den USA bei der Dissidentin und Charta’77-Aktivistin, Jirina Siklová, die Idee zum Aufbau von Gender Studies an tschechischen und slowakischen Universitäten. Im Interview mit der Soziologin, das später als Video verbreitet wurde, beklagte sich Frau Siklová darüber, dass in den sich auflösenden sozialistischen Ländern keine oder falsche Informationen über Geschlechterfragen, Frauenrechte und Feminismus vorhanden waren. Ihr Anliegen war es, über die Einrichtung von Gender-Studiengängen diese Informationen in die Gesellschaft und Wissenschaft zu tragen. Es mussten etliche Hürden überwunden werden, bis aus der kleinen Bibliothek Frau Siklovás ein erfolgreiches und anerkanntes Zentrum für Gender Studies entstand. Neben dem Angebot von Kursen, die parallel in den Universitäten stattfanden, wurde großer Wert auf die Organisierung von Diskussionen und Austausch mit internationaler Beteiligung gelegt.
Partnerinnenorganisation: Gender Studies Centre Prague, Prag, Tschechische Republik, Förderzeitraum: 1993-1995
Prag: Beratungszentrum proFEM
Mit dem Aufbau der ersten Frauenprojekte in Mittel- und Osteuropa wurde der enorme Bedarf an Beratung, Information und Weiterbildung im neu entstehenden NGO-Sektor deutlich. Die FrauenAnstiftung begegnete dieser Situation mit der Gründung einer Stiftung in Prag, die als Beratungszentrum ausgebaut wurde. Angesichts der noch unklaren Gesetzgebung für den NGO-Bereich, blieben viele Fragen in Bezug auf rechtliche und steuerliche Behandlung offen – sowohl in Tschechien als auch in der Slowakei. Dennoch erarbeitete proFem ein umfangreiches Angebot für die Bereiche Existenzgründung, Fundraising, Organisationsstruktur, Computertechnik und Öffentlichkeitsarbeit. proFem musste sich gleichzeitig den aktuellen Lebensverhältnissen der Frauen stellen: Diskriminierung, Armut, Gewalt, Frauenhandel, Gesundheitsproblematiken. In Kooperation mit verschiedenen Prager Frauengruppen entwickelten sich Selbstverteidigungs- und Gesundheitskurse. Die Ausdehnung der Arbeit auf weitere Länder Mitteleuropas erfolgte erst nach und nach, da Materialien und Kommunikation in die entsprechenden Sprachen übersetzt werden mussten.
Partnerinnenorganisation: proFem, Prag, Tschechische Republik,
Förderzeitraum: 1993-1996
Eine Übersicht aller Aktivitäten des Europabereichs finden Sie auf folgenden Seiten:
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