Aus Drei mach Eins?
15.-17. Mai 1992: Während die Stiftungen noch mit ihrem Aufbau beschäftigt sind, grummelt es bereits in der Ferne: Bündnis 90/Die Grünen befristen die Anerkennung der Teilstiftungen auf zwei Jahre. Damit verbunden ist der Auftrag, ihre Zusammenarbeit zu verbessern und ein übergreifendes Konzept für das Studienwerk und die Auslandsarbeit vorzulegen.
3. November 1994: In der Zeitschrift Fokus erscheint ein Artikel, in dem das grüne Bundesvorstandsmitglied, Ludger Volmer, die Dreiteilung der Stiftungen kritisiert. Diese Konstruktion sei ineffektiv, „unkontrolliert und unkontrollierbar“.
* „Stiftungs-Durcheinander und Gegeneinander“, TAZ, 29.11.1994
21. November 1994: Regelmäßige Gespräche zwischen Bundesvorstand und Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen und den Stiftungsvorständen sollen Missverständnisse ausräumen und mehr Nähe herstellen. In den Teilstiftungen gibt es zum Thema „Parteinähe“ jedoch unterschiedliche Ansichten.
* „Warum nicht Hannah Ahrendt?“, TAZ, 2.12.1994
* Siehe Vorwort zum Sachbericht 1995
29. Januar 1995: Der Frankfurter Kreis, eine oppositionelle Gruppe mit Vertreter:innen aus allen drei Teilstiftungen, erarbeitet ein Konzept für eine reformierte Gesamtstiftung. Darin sollen die zentralen Werte der Teilstiftungen in neuer Form bewahrt werden.
Februar 1995: Der Länderrat der Grünen formuliert „Eckpunkte“ für eine Reform der bündnisgrünen Stiftungen. Die Teilstiftungen erkennen den Beschluss des Länderrats an. In der FAS kommt es zum Streit. Vor allem ehrenamtliche Mitglieder der FrauenAnstiftung wollen die Idee der Autonomie nicht aufgeben und verlassen die FAS. Andere bezweifeln, dass die Frauenbelange im Konzept der Geschlechterdemokratie gut aufgehoben sind.
* „Grüne Einheitsstiftung“, TAZ, 13.02.1995
Der Weg ist das Ziel
2. April 1995: Eine „Übergangs-Mitgliederversammlung“ aus Delegierten aller Teilstiftungen wird gebildet, die den Regenbogenvorstand neu besetzt. Zudem werden je zwei Vertreter:innen der Einzelstiftungen in den „Reformausschuss“ entsandt. Er soll die Zusammenlegung planen und steuern.
7. Mai 1995: Die zweite Übergangs-Mitgliederversammlung akzeptiert den Arbeits- und Zeitplan des Reformaussschusses. Zudem werden stiftungsübergreifende Arbeitsgruppen gebildet, die ein Konzept für die Zusammenlegung der Bereiche (Inland, Ausland, Frauen, Studienwerk, auch der Bereiche Finanzen, Personal und Verwaltung u.a.) erarbeiten.
27. Mai 1995: In Hamburg findet ein Workshop statt, in dem Ideen für ein feministisches Institut in der neuen Gesamtstiftung diskutiert werden. Es geht um die Frage, wie feministische Kritik besser in die Gesamtgesellschaft hinein wirken kann, statt sich auf Nischen zu begrenzen.
* „Vom Brain-Trust zum Think-Tank“, TAZ, 22.12.1996
* Siehe Dokumentation: „Leidenschaft für die unbequeme Sache“
18. Juni 1995: Die dritte Übergangs-Mitgliederversammlung gibt ein Meinungsbild zum Ort der neuen Gesamtstiftung ab (Berlin, die neue Hauptstadt). Sie schreibt auch einen Ideen-Wettbewerb für eine Grüne Akademie aus, die ein Bestandteil der Gesamtstiftung werden soll.
4. Juli 1995: Der Konzernbetriebsrat der Teilstiftungen veranstaltet eine Anhörung zum Thema „Mitbestimmung zwischen Bürokratie und Kreativität“. Es geht darum, den künftigen Mitarbeiter:innen der Gesamtstiftung möglichst viel Gestaltungsmöglichkeit zu eröffnen.
7.-8. Oktober 1995: Der Reformausschusses veranstaltet eine Fachtagung „Innovative Steuerungsmodelle“ in Kassel. Statt des klassischen Pyramidenmodells soll die neue Gesamtstiftung als Partizipations- und Verantwortungsmodell mit flachen Hierarchien eingerichtet werden („holokratische Organisation“).
18. Oktober 1995: Die Reform-Arbeitsgruppen der Teilstiftungen stellen konsensuell erarbeitete Konzepte für die Reform und Zusammenlegung ihrer Bereiche vor (Inland, Ausland, Frauen, Studienwerk u.a.).
Ende Oktober 1995: Die Verhandlungen zum Sozialplan und Interessensausgleich beginnen. Betriebsrat und Reformausschuss einigen sich darauf, dass es bei der Zusammenlegung weder Entlassungen noch Herabstufungen geben wird. Mitarbeiter:innen, die nicht in die Gesamtstiftung wechseln wollen, können einen Sozialplan in Anspruch nehmen.
1./2. November 1995: Ein Workshop für alle Mitarbeiter:innen der Auslandsreferate in den Teilstiftungen findet statt, auf dem sie das Konzept für die Zusammenlegung des Auslandsbereichs präzisieren.
4./5. November 1995: Der Länderrat von Bündnis 90/Die Grünen verabschiedet „Eckpfeiler für eine Reform der Länderstiftungen“. Das betrifft die Mitglieder der Teilstiftung „BuntStift“, deren Landestiftungen erhalten bleiben unter der Bedingung, dass sie stärker an die Partei angebunden werden.
9. Dezember 1995: Die fünfte Übergangs-Mitgliederversammlung beschließt mehrheitlich das vom Reformausschuss vorgelegte neue Organisationskonzept für die Gesamtstiftung. Es sieht flache Hierarchien und eine starke Kooperation aller Mitarbeitenden vor.
10. Dezember 1995: In Hamburg gibt es ein Werkstattgespräch zum Thema „Geschlechterdemokratie als neue Gemeinschaftsaufgabe der bündnisgrün-nahen Stiftung“. Das „Frauen“-Anliegen soll zum übergreifenden gemeinsamen Anliegen der gesamten Stiftungsarbeit werden.
26. Januar 1996: Die Auslandsbereiche der Teilstiftungen führen einen Workshop zur Planung ihrer neuen Struktur und Organisation durch.
2. Februar 1996: Ein Workshop des Reformausschusses beschließt Schritte zum weiteren Fortgang der Stiftungsreform und erarbeitet eine neue Satzung für die Gesamtstiftung.
Und es kommt anders
9./10. Februar 1996: Die sechste Übergangs-Mitgliederversammlung, in der zahlreiche Parteimitglieder der Grünen vertreten sind, beschließt Satzung und Organisationskonzept der neuen Stiftung, jedoch mit Änderungen, die zuvor nicht Thema waren. Das vorgeschlagene „flache“ Organisationsmodell wird abgelehnt, das alte Pyramidenmodell setzt sich durch und die Partei erhält deutlich mehr Einfluss als geplant. Auch der Name „Heinrich Böll“ ist umstritten; viele Frauen votieren für den Namen „Hannah Ahrendt“.
* „Stiftung am Fluß“, TAZ, 22.2.1996
1.-3. März 1996: Auf der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen wird die Zusammenlegung der Teilstiftungen und die Neugründung der grünennahen Gesamtstiftung vorgestellt. Es regt sich kein Protest mehr.
Die restlichen Monate des Jahres 1996 sind von Stellenbesetzungen, Umzügen und von der Auflösung aller Geschäftsstellen in Hamburg, Dortmund, Göttingen und Köln geprägt. Das ist auch das Ende der FrauenAnstiftung – und ein Schritt ins Neue, den manche mit tiefem Frust, andere mit viel Hoffnung gehen.
