Im Mai 1993 sitzen Nebahat Dertli und Hülya Eralp im Zug von Hamburg nach Weimar. Sie werden in Weimar über „Frauen und Islam“ referieren. Sie diskutieren leidenschaftlich über die Frauenbewegungen in der Welt. Sie träumen von einer populären feministischen Publikation für Frauen in der Türkei. Nebahat arbeitet ehrenamtlich bei der Frauenanstiftung (FAS) in Hamburg und kennt die Möglichkeiten, die die Organisation für Frauenprojekte im Ausland bietet. Hülya ist nach 12 Jahren Exilleben in Deutschland im Februar 1993 nach Istanbul zurückgekehrt und nimmt aktiv an der feministischen Bewegung dort teil.

Die Geburt der Projektidee

Nebahat und Hülya entwickeln die Idee, wie für die Feministinnen in der Türkei ein Projektantrag bei der FAS gestellt werden könnte, so dass sie eventuell eine finanzielle Förderung erhalten. Hülya weiß, dass für die Feministinnen in der Türkei die Notwendigkeit einer populären Publikation für Frauen seit Langem Thema ist. Es gibt sogar einen Projektentwurf, der zwei Jahre zuvor entwickelt wurde. Aber die Umsetzung hapert vor allem am Geld.

Hülya kehrt noch im selben Monat mit der Projektidee nach Istanbul zurück. Sie bespricht mit den Protagonistinnen der Frauenbewegung die Möglichkeit der Finanzierung einer feministischen Zeitschrift. Die Idee wird mit Begeisterung aufgenommen. Das Projektvorhaben wird in den kommenden drei Monaten mit rund 150 Frauen ausführlich diskutiert. Eine Gruppe, die später das Redaktionsteam bilden wird, macht sich mit viel Herzblut an die Vorbereitung des Projekts.

Der Projektantrag wird Ende Juli 1993 an die FAS geschickt. Eine aus 20 Frauen bestehende Projektgruppe trifft sich jeden Montagabend bei Mor Çatı-Vakfı (Lila Dach-Stiftung) und konkretisiert Inhalte, Form und Strukturen der Zeitschrift. Die Korrespondenz und Verhandlungen mit FAS dauern etwa anderthalb Jahre. Am 20. Dezember 1994 kommt schließlich die gute Nachricht, dass der Projektantrag genehmigt wird.

Pazartesi: eine feministische Monatszeitschrift

Anfang 1995 wurde in Istanbul von der Projektgruppe die „Stiftung Frauen Kultur und Kommunikation“ gegründet, da in der Türkei die Gründung einer Stiftung die offizielle Voraussetzung für den Erhalt von Projektmitteln aus dem Ausland ist. Gleichzeitig wurde ein fünfköpfiges Vollzeit-Projektteam mit Hülya Eralp als Projektkoordinatorin gebildet, das als Redaktionsteam fungierte. Die anderen 15 Feministinnen unterstützten die Arbeit des Redaktionsteams ehrenamtlich.

Der Name der Zeitschrift lautete „Pazartesi“, das bedeutet Montag.

Der Name stand zum einen für die Zusammenkünfte der Projektgruppe immer am Montag, zum anderen auch als Erinnerung der oppositionellen Montagsdemos in der DDR. Außerdem bot der Montag Freiraum für Hausfrauen in der Türkei, wenn nach dem Wochenende Mann und Kinder aus dem Haus waren.

Die Null-Nummer der Zeitschrift wurde am Internationalen Frauentag, 8. März 1995, veröffentlicht und auf den Straßen, Fähren und in Cafés in Istanbul verteilt. Ab April 1995 erschien Pazartesi monatlich und wurde über den professionellen Vertrieb 10.000 Auflagen in Kiosken und Buchhandlungen in der gesamten Türkei verbreitet.

Eine Abonnementkampagne wurde sowohl in der Türkei als auch unter den Migrantinnen aus der Türkei in Europa durchgeführt.

Mit der finanziellen Unterstützung der FAS wurde 1997 ein Haus für die „Stiftung Frauen Kultur und Kommunikation“ erworben. Das Haus diente als Archiv, Büro- und Veranstaltungsort für das 20-köpfige Projektteam und unterhielt gleichzeitig ein kleines Frauen-Café als Treffpunkt.

Die Erfolge

Pazartesi fand landesweit ein großes Echo. Jeden Monat setzte Pazartesi zu unterschiedlichen aktuellen und historischen Frauenthemen einen anderen Schwerpunkt. Nach fünf Ausgaben wurden in Großstädten wie Ankara, Izmir und Adana regionale ehrenamtliche Projektgruppen gebildet, die die Zeitschrift mit ihren News, Artikeln und Leserinnenbriefen bereicherten sowie bei Verkauf und Abo-Werbung unterstützten. Das Istanbuler Stiftungshaus wurde im Laufe der Zeit ein beliebter Treffpunkt für Frauen aus dem In- und Ausland.

Verteilung von Pazartesi auf dem Taksim-Platz in Istanbul

Bis zu ihrer Auflösung bestand eine rege Kommunikation und Austausch mit der Frauenanstiftung. Eine europaweite Konferenz mit ca. 30 Vertreterinnen von der Frauenanstiftung und den von ihren geförderten Projekten im MSO-Bereich (Mitte-, Süd- und Osteuropa) fand 1996 in Istanbul statt. FAS war mehr als nur eine Förderorganisation für Pazartesi. Das Team hat von der FAS viel gelernt. Durch sie wurden dem Projekt wichtige Türen geöffnet und viele Kontakte vermittelt. Pazartesi bewunderte die Frauenanstiftung als eine feministische und partnerschaftliche Organisation und bedauerte sehr ihr Ende. Nach der Auflösung der Frauenanstiftung durch die Grüne Partei übernahm die Heinrich-Böll-Stiftung (HBS) ab 1998 die Finanzierung der Zeitschrift.

Istanbul-Konferenz mit der FrauenAnstiftung 1997

Aus für Pazartesi?

Nach der 70. Ausgabe der Zeitschrift im Januar 2001, die sich mit der Operation „Rückkehr ins Leben“ vom 19. Dezember 2000 (eine Hungerstreik-Kampagne in türkischen Gefängnissen) befasste, wurde von der Vertreterin der Heinrich-Böll-Stiftung in der Türkei angekündigt, dass die Unterstützung von Seiten der Stiftung zunächst reduziert und 2002 beendet werde.

Die Redaktion von Pazartesi erstellte ein Unterstützungs-Dossier mit Briefen zahlreicher renommierter Personen, darunter die Schriftsteller Ahmet Altan und Orhan Pamuk, die Wichtigkeit der Zeitschrift erläuterten. Denn Pazartesi war die einzige feministische oppositionelle Zeitschrift, die sich offen und mutig gegen die Unterdrückung der Frauen, gegen Femizide positionierte und sich für die Menschenrechte und Demokratie einsetzte. Nach dem Einreichen des Dossiers verlängerte die Heinrich Böll Stiftung die Finanzierung bis März 2002, aber mit erheblicher Reduzierung. Nach der 83. Ausgabe im März 2002 musste das Projekt die Veröffentlichung bis November 2003 zunächst einstellen.

In dieser Zeit wandte sich Pazartesi an den „Global Fund for Women“, „Mamma Cash“ und an das schwedische Konsulat, um neue Mittel für das Projekt zu erhalten. Diese Organisationen finanzierten das Projekt dann anteilig von November 2003 bis November 2005 bis zur 106. Ausgabe (s. Bild).

In den Folgejahren ab 2006 wurde Pazartesi nicht mehr als monatliche Print-Zeitschrift herausgebracht, sondern in Form von digitalen Dossier-Ausgaben.

In den Dossiers Liebe, Körper, Religion, Mutterschaft und Arbeit stellte das Projekt sowohl alte als auch neue Artikel zum Thema in den jeweiligen Dossiers zusammen.

Aus verschiedenen Gründen konnte die Zeitschrift seit Beginn des Jahres 2008 nicht weiter existieren. Nach 13 Jahren bedeutete dies schließlich das Ende von Pazartesi. Das Pazartesi-Team war dennoch weiterhin ehrenamtlich feministisch aktiv. Mit den Einnahmen des kleinen Cafés im Stiftungsgebäude und der Vermietung der Räume des Stiftungshauses konnte sich die Stiftung über Wasser halten. Mit den Einnahmen wurde 2014 ein Frauen-Verlag namens Güldünya gegründet. (Güldünya war eine 22jährige Frau, die von Verwandten vergewaltigt und geschwängert und in Folge von ihrer eigenen Familie ermordet wurde. Ihr Name steht symbolisch für die Femizide in der Türkei).

Die gegenwärtige Situation

Die meisten Aktivitäten des Pazartesi-Teams konzentrieren sich heute auf den Frauenverlag. Sie bringen feministische Bücher und Broschüren heraus, nehmen an verschiedenen feministischen Konferenzen und Versammlungen teil, beteiligen sich an öffentlichen Diskussionen und Veranstaltungen.

Einmal wurde während der Pride Week die feministische britische Professorin Stevi Jackson eingeladen und mit vielen Feministinnen zusammen eine große Veranstaltung organisiert, an der sehr viele Menschen teilnahmen. Weiterhin wurden alle Ausgaben der Zeitschriften Pazartesi, Socialist Feminist Kaktüs und Feminist digitalisiert und indem sie diese auf der Pazartesi-Website veröffentlichten, für alle zugänglich gemacht. So haben sie zudem ermöglicht, dass alle Ausgaben der Zeitschrift Feminist als Buch veröffentlicht wurden.

Herausgebracht wurde auch eine Broschüre zur Kampagne gegen das Abtreibungsverbot. Über die Einnahmen aus dem Stiftungsgebäude hinaus wird weiterhin finanzielle Unterstützung gebraucht, um den Güldünya-Verlag sowie die feministischen Aktivitäten auch in Zukunft weiterführen zu können.

Alle Augaben von Pazartesi siehe Pazartesi-Homepage.

Text: Hülya Eralp 2025

Hülya Eralp kam Ende 1980 als politischer Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland. Sie war Mitgründerin der „Frauen Kultur und Kommunikation Stiftung“ und Projektkoordinatorin der Zeitschrift Pazartesi.

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