Im Gespräch mit Olga Uremović* erinnert sich Aida Bagić, eine feministische Friedensaktivistin aus Zagreb, an die Zusammenarbeit mit der FrauenAnstiftung sowie an die Bedeutung, aber auch die Herausforderungen des grenzüberschreitenden Dialogs und Austauschs zwischen Frauen in Zeiten des Krieges.

Aida Bagic war die erste Referentin aus Zagreb, Kroatien, die 1991 zur Bremer Frauenwoche** kam und einen Vortrag über die Situation im Krieg hielt.  Ursprünglich war eine andere Referentin eingeladen, die zum Thema „Frauen in der Männergesellschaft“ einen Vortrag halten sollte. Sie musste aus persönlichen Gründen ihre Teilnahme absagen. Mit Beginn des Krieges haben sich jedoch auch die Themenbereiche verändert.  Aida Bagic sprach zum Thema „Frauen im Krieg“. Heute kann man sicherlich sagen, dass sie die erste Referentin überhaupt war, die zu diesem Thema damals in Deutschland und eventuell darüber hinaus, öffentlich sprach.

Auf unsere Anfrage, einiges über die damalige Situation und über die Zusammenarbeit mit der FAS zu sagen, versuchte sie sich zu erinnern:

„Damals, bei der Bremer Frauenwoche: Es war ein brisantes Thema und viele Menschen wollten aus der ersten Hand hören, was bei uns passiert. Ich war als Referentin, das erste Mal im Ausland und das erste Mal überhaupt sprach ich ausschließlich vor einem weiblichen Publikum, nur Frauen, und das erste Mal vor so vielen Interessierten.

Das erste Mal sprach ich zum Thema „Frauen und Krieg“. Die Erfahrung fand ich sehr wichtig und auch sehr gut. Allerdings war ich nachhinein der Meinung, dass ich später sicherlich vorsichtiger in einigen Aussagen sein sollte. Der Krieg hat uns überrascht, und auch ich war nicht auf den Krieg vorbereitet, daher wurden meine Aussagen vor diesem Hintergrund formuliert.

Die Zusammenarbeit mit der FAS: Ich habe damals, im Jahr 1992, an der mit der FAS organisierten Konferenz in Zagreb leider nicht teilnehmen können, da ich mich zu diesem Zeitpunkt im Ausland aufhielt. Wenn ich in Zagreb gewesen wäre, hätte ich sicherlich daran teilgenommen. Ursprünglich war ich aber auch an der Organisationsgruppe für den Kongress beteiligt, ebenso wie weitere international orientierte Feministinnen vor Ort, die sich dann aus der Organisationsgruppe zurückgezogen haben.

Ich bin der Meinung, dass der Kongress problematisch gewesen ist, was allerdings nicht verwunderlich war, angesichts der politischen Lage damals und auch insbesondere deswegen, weil sich der gesamte politische Kontext – in der Zeit, seit wir mit der Planung des Kongresses begonnen hatten – verändert hatte.

Die FAS war damals sehr wichtig. Die Unterstützung und die Zusammenarbeit mit der FAS haben Einfluss darauf genommen, dass sich die Frauengruppen damals organisiert haben.

Es wäre wichtig, die tatsächliche Entwicklung der Projekte damals, auch unter dem theoretischen Aspekt, zu analysieren – unter dem Aspekt „Global Feminism“. Stiftungen sind wichtig und Geld von Frauen für Frauen hat große Bedeutung.

Auch die Vernetzung unter Frauen und Frauenprojekten hatte große Bedeutung.

Über die damalige Zeit und die Situation unter den Frauen, die damals organisiert waren, kann ich sagen, dass sie häufig unentschieden in ihren Positionen waren. Viele von ihnen wussten nicht, wo sie sich zuordnen sollten. So waren z.B. alle bewegten Frauen vor dem Krieg, in Zagreb, noch gemeinsam in einer Gruppe und konnten sich über ihre Positionen verständigen. Der Feminismus war die Grundlage ihrer Arbeit. Die wichtigste Frauenorganisation damals war das SOS-Telefon, ein Notruf für Frauen, das auf ehrenamtlicher Basis funktionierte. Alle Frauen gehörten der Frauenbewegung an und sie verstanden sich als Feministinnen. Von hier aus wurde auch das Frauenhaus (AZKZ) gegründet.

Es begann der Krieg und die Frauen trennten sich im Wesentlichen in zwei Strömungen. Die einen blieben beim SOS-Telefon. Die anderen übernahmen das Frauenhaus und bereiteten die Gründung eines Frauenhauses, einer Einrichtung für Frauen mit Gewalterfahrungen, vor.

Ich würde sagen, dass man hier auch von einer Generationentrennung sprechen könnte. So haben in der einen Gruppe eher die jüngeren Frauen dominiert und in der anderen Gruppe die älteren Frauen. Von welcher Bedeutung das tatsächlich gewesen ist und wie das vom heutigen Standpunkt aus zu beurteilen wäre, kann ich nicht eindeutig sagen, ohne eine genaue Analyse durchgeführt zu haben.

Für mich war die FAS damals sehr wichtig. Es boten sich, durch die Unterstützung und die Zusammenarbeit, mehrere Möglichkeiten für Treffen und für Auseinandersetzungen. Ich habe an zwei der wichtigen Treffen teilgenommen. Das erste Treffen von Frauen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens und Europas, Osteuropas sowie aus Deutschland war das Treffen in Prag Ende 1992. An einige Ereignisse dabei kann ich mich erinnern, z.B. an die Situation mit den „Pro-Life“-Frauen (Lebensschützerinnen), die ebenfalls anwesend waren. Es wurde lautstark gegen sie protestiert und sie mussten daraufhin die Tagung verlassen. Für mich war es nicht klar, wieso diese Gruppen überhaupt an der Tagung teilnehmen konnten, und mir war auch nicht klar, was sie davon erwartet haben, an einer solchen Tagung teilzunehmen. Ich fand es sehr gut, dass damals gegen diese Gruppe protestiert wurde und dass sie sich entfernen musste.

Insgesamt waren die Begegnungen unter Frauen und einige ihrer Aussagen wichtig, die mir in Erinnerung geblieben sind, wie z.B. die Geschichte von Sonja Drljevic, einer Feministin aus Belgrad, die sagte, dass sie als Bauingenieurin auch Brücken gebaut hatte, und inzwischen habe sie als Frau keine Arbeit mehr in diesem Bereich. Nun kam sie nach Prag, um gemeinsam mit anderen Frauen auf feministischer Grundlage neue Brücken zu bauen.

Das zweite große Treffen, an dem ich teilgenommen habe, war das Hippo-Camp in Slowenien (1995). Dort wurden viele alte Kontakte aufgefrischt und auch neue Kontakte geknüpft.

Des Weiteren habe ich mit FAS-Unterstützung eine Zusammenarbeit und Unterstützung für Projekte im Kosovo mitaufgebaut (1996). Dabei habe ich mit einer weiteren Kollegin über das Projekt „Mali korak/Kleine Schritte“, mit Igbale Rugova vom Projekt Motrat Quiriazi, Treffen und Unterstützung für Frauenprojekte organisiert.

Ich habe mich später, als Forscherin, mit dem Thema Frauenorganisierung, insbesondere mit dem Einfluss der internationalen Hilfe, befasst. Die FAS ist deswegen auch im Forschungsbericht „International Assistance for Women’s Organizing in South Eastern Europe. From Groups and Initiatives to NGOs“ als eine der wichtigsten Geldgeberinnen erwähnt.[1]

In den letzten dreißig Jahren gab es mehrere ForscherInnen, die sich mit der Frauenorganisierung in Kriegszeiten beschäftigt haben. Zum Beispiel, eine der ersten war Ana Miškovska Kajevska, eine mazedonische Aktivistin und Forscherin, die auf der Basis von Interviews mit den Frauen aus Zagreb und Belgrad eine interessante Analyse von Frauenbewegungen in Kriegszeiten gemacht hat.[2]

26./27.10.2024

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* Das Gespräch wurde im Frühjahr 2024 von Olga Uremovic in kroatischer Sprache geführt. Die Autorin spricht auch Deutsch.

** Die Bremer Frauenwoche war damals eines der wichtigsten feministischen Frauenprojekte in Deutschland, die brisanteste Themen behandelte und die international bekanntesten und wichtigsten Referentinnen zu Vorträgen und Diskussionen einlud. Die Bremer Frauenwoche bot eine Plattform für politische Themen und Diskussionen und war ein Forum ausschließlich für Frauen. Leider musste das Projekt, nach 10 Jahren, seine Arbeit 1993 beenden.

Über Aida Bagic:

Aida Bagić (Zagreb, 1965) schloss ihr Studium der Allgemeinen Linguistik und Philosophie an der Fakultät für Philosophie in Zagreb ab und erwarb ihren Masterabschluss in Politikwissenschaften an der University of Massachusetts Amherst, USA.

Sie beteiligte sich an der Initiierung und Arbeit mehrerer feministischer und Friedens-Initiativen (Anti-Kriegs-Kampagne Kroatiens, Autonomes Frauenhaus Zagreb, BaBe – Frauengruppe für Frauen-Menschenrechte, Zentrum für Frauenstudien).

Sie hat mehrere Gedichtsammlungen veröffentlicht: Wenn ich Sylvia heiße (2007), Körper sind leichte Ziele (2014) und Flussabwärts (Downstream Rivers) (2019) sowie kurze Prosa: Weiß ich, wo ich lebe? (2012) und Offenes Fenster (2025).

In den letzten Jahren arbeitet sie als Therapeutin für körperorientierte Psychotherapie.

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[1] Bagić, Aida. (2002). International Assistance for Women’s Organizing in South Eastern Europe: From Groups and Initiatives to NGOs und Bagić, Aida. (2006)„ Women’s Organizing in Post-Yugoslav Countries: Talking about ‘Donors’’’ in Ferree, Myra Marx and Aili Mari Tripp (eds.) Global Feminism. Transnational Women’s Activism, Organizing, and Human Rights. New York and London: New York University Press.

[2] A. Miškovska Kajevska (2014). „Taking a stand in times of violent societal changes: Belgrade and Zagreb feminists’ positionings on the (post-)Yugoslav wars and each other (1991-2000)“ https://hdl.handle.net/11245/1.410134

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