In diesem Text geht es darum, wie in der ambitionierten feministischen Zusammenarbeit in der FrauenAnstiftung (FAS) ab Ende der 1980er Jahre ein Minenfeld aus Idealismus, Missverständnissen, Machtkämpfen, Rassismusvorwürfen und verletzten Eitelkeiten entstand, was schließlich zu der ernüchternden Einsicht führte, dass Vielfalt im Alltag weitaus schwieriger zu leben ist, als gedacht. Vielfalt bedeutet mehr als „alle dürfen mitreden“.
Drei Jahrzehnte später, mit Abstand und mehr Gelassenheit, sehen viele klarer, was damals schiefgelaufen ist und was sich trotzdem gut entwickelt hat.
Eine persönliche Rückschau mit kritischen Nachfragen und nachhaltigen Lernerfahrungen
Als ich im Sommer 1988 eingeladen wurde, bei der frisch gegründeten Grünen-nahen FrauenAnstiftung den Internationalismusbereich mit aufzubauen, war ich begeistert: Der Bund gab Geld für Frauenprojekte und wir sollten 70% der Gelder sinnvoll in Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika investieren.
Endlich eine Chance, etwas zu bewegen, dachte ich. Ich war überzeugt, bestens gerüstet zu sein: politisiert in der Dritte-Welt-Bewegung, theoretisch geschult durch Eduardo Galeanos Analysen zur Ausbeutung Lateinamerikas und Frantz Fanons Thesen zum Antikolonialismus, praktisch erprobt in Nicaragua, Kolumbien und Chile. Kurz gesagt: Lateinamerika?- Da kenne ich mich aus.
Parallel dazu erlebte ich Feminismus in Berlin hautnah: Im Feministischen FrauengesundheitsZentrum begleiteten und berieten wir Frauen bei Fragen rund um ihre Gesundheit, gaben eine Zeitschrift heraus, engagierten uns in der Gesundheitspolitik und in der internationalen Vernetzung – Schwesterlichkeit, Empowerment, das volle Programm.
In der AG Internationalismus der FAS hoffte ich, all das miteinander zu verbinden: internationale Frauengesundheit, entwicklungspolitisches Engagement und vielleicht sogar eine berufliche Perspektive. – Doch es kam anders.
Unsere große Idee: Vielfalt – aber bitte richtig
Ein Markenzeichen der FAS war der Anspruch, Vielfalt wirklich ernst zu nehmen – nicht nur als nettes Schlagwort auf Flyern. Also holten wir in die AG Internationalismus etwa zur Hälfte Migrantinnen aus internationalen Frauengruppen (unter anderem aus Chile, dem Iran und Eritrea) mit an Bord. Gemeinsam sollten wir, weiße deutsche Frauen aus der entwicklungspolitischen Szene zusammen mit Migrantinnen, Projekte finden, Förderkriterien anwenden, Gelder vergeben und nach den Richtlinien der Ministerien abwickeln.
Wir waren stolz auf diesen Ansatz und überzeugt, etwas Innovatives auf die Beine zu stellen: eine Stiftung, die nicht nur über „die Anderen“ redet, sondern mit ihnen entscheidet. Auf dem Papier klang das großartig. In der Praxis fühlte es sich manchmal eher an wie Gruppentherapie ohne Therapeutin, dafür mit einem Geldkoffer in der Mitte.
Der Knall: „Du als Deutsche kannst keine Expertin sein“
Der erste richtig große Konflikt kam für mich, als eine Projektbetreuung für ein Frauenrechtsberatungsbüro in Nicaragua vergeben werden sollte – ein Land, über das ich nicht nur Bücher gelesen, sondern in dem ich auch gelebt und gearbeitet und über das ich zwei Bücher geschrieben hatte. Ich ging ziemlich selbstverständlich davon aus, dass ich für die Betreuung dieses Projekts ausgewählt würde.
Jedoch statt Schulterklopfen kam ein verbaler Vorschlaghammer: Als Deutsche sei ich „Kolonialistin“ und könne in einem „Entwicklungsland“ keine Expertin sein. Deutsche Stiftungsfrauen seien ein verlängerter Arm des Ministeriums, war von Seiten der Migrantinnen zu hören.
Die Botschaft: Nur Migrantinnen hätten die nötige Erfahrung von Ausbeutung und Unterdrückung, weiße deutsche Frauen seien privilegiert und könnten sich nicht in die Lage von Frauen aus der Dritten Welt hineinversetzen.
Ich war zutiefst betroffen. Ich war engagiert, solidarisch, antikolonial. Meine Intentionen waren doch gut: feministische Projekte weltweit stärken, demokratisch, solidarisch und schwesterlich. Und auf einmal stand ich da als Repräsentantin der Kolonialmacht Deutschland. Jedenfalls in den Augen einiger Migrantinnen.
Dilemma: Gute Absicht, blinde Flecken
Migrantinnen argumentierten, dass Länder des Globalen Südens von Deutschland (und anderen) ausgebeutet worden seien und sie daher ein Anrecht auf diese Fördergelder des Bundes hätten. Einige weiße Mitstreiterinnen in der AG unterstützten diese Perspektive und bald flogen Begriffe wie „weiße Dominanz“, „rassistische weiße Frauen“ und „Eurozentrismus“ durch den Raum.
Den Vorwurf der weißen Dominanz konnte ich nachvollziehen und hielt ihn teilweise für berechtigt. Es war offensichtlich, dass die Gelder von der deutschen Regierung stammten und an bestimmte Vorgaben gebunden waren. Konnte man es den deutschen Stiftungsfrauen verdenken, bei der Abrechnung die Kontrolle behalten zu wollen? Sie standen ja in der Verantwortung.
Ich selbst fühlte mich als deutsche Staatsbürgerin verantwortlich für die korrekte Verteilung und Abwicklung der Mittel. Schließlich kannte ich aus meiner beruflichen Erfahrung die Genauigkeit und Denkweise deutscher Bürokraten nur allzu gut. – Aber war ich damit automatisch Handlangerin einer Kolonialmacht?
Vielleicht traute ich Migrantinnen damals nicht zu, diesen Spagat mit deutschen Ministerien und deutschen Richtlinien zu bewältigen. Ehrlich gesagt, es war für uns alle in der Stiftung eine große Lernkurve, den Umgang mit Ministerien und Richtlinien zu meistern. War Konkurrenz im Spiel oder ging es wirklich darum, ein klein wenig Macht in der Hand zu halten? – Damals sah ich es nicht so.
Wenn Migrantinnen uns vorwarfen, als Deutsche nicht ausreichend über die Zustände in anderen Ländern informiert zu sein, war ich im Gegenzug besorgt hinsichtlich ihrer Objektivität in Bezug auf ihre eigenen Länder.
Im Nord-Süd-Kontext hatten wir durchaus Erfahrungen mit einigen Migrantinnen gemacht, deren Fokus stark darauf lag, die Finanzierung eigener Projekte oder der ihrer Herkunftsgemeinschaften zu sichern. – Damals habe ich das als einseitig oder interessengeleitet bewertet.
Ähnlich verhielt es sich mit anderen, die die Entwicklungen in ihren Herkunftsländern aus einer von politischer Zugehörigkeit oder sozialem Status geprägten Perspektive sahen — eine Sichtweise, die ich als nicht unabhängig genug einstufte.
Rückblickend frage ich mich jedoch, wie „unabhängig“ meine eigenen Einschätzungen tatsächlich waren. Auch ich blickte durch meine eigene Brille, geprägt von meinen Erfahrungen, dem institutionellen Kontext und den Vorstellungen darüber, was als objektiv oder korrekt zu gelten hatte.
Die Folge: Die Diskussionen wurden härter, die Fronten fester. Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Privilegien schwirrten im Raum, doch statt sie zu bearbeiten, redeten wir aneinander vorbei. Konflikte blieben unbearbeitet und langsam, aber sicher rutschten wir in eine Mischung aus Machtkampf, Misstrauen und Dauerfrust. Freundschaften zerbrachen und die Arbeit kam ins Stocken.
Was ich nicht sehen wollte
Rückblickend – und ich kann mich hier natürlich nur auf meine Erfahrungen beziehen –, hatte ich es als weiße Frau völlig unterschätzt, was eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Migrantinnen wirklich bedeutet.
Einladen zur Mitarbeit? – Ja. Verantwortung teilen? – Hm. Kontrolle abgeben? – Eher schwierig. Wir wollten Migrantinnen dabei haben, aber auch weiterhin die Zügel in der Hand behalten.
Dabei fühlte ich mich keineswegs privilegiert. Im Gegenteil — ich hatte mir alles in meinem Leben hart erarbeiten müssen. Ich stammte nicht aus einem gutbürgerlichen Umfeld, sondern erlangte mein Abitur mühsam über den zweiten Bildungsweg und war die erste Frau in meiner Familie, die an einer Universität studierte. Dabei konnte ich nicht auf Eltern zurückgreifen, die sich im Bildungssystem auskannten und mich anweisen konnten.
Als Deutsche in Deutschland nahm ich mich lange nicht als privilegiert wahr. Im Vergleich zu Migrantinnen aus Ländern des globalen Südens war ich es jedoch selbstverständlich. Gleichzeitig waren einige dieser Frauen in ihren Herkunftsländern selbst privilegiert gewesen — sie hatten studiert und einen gehobenen gesellschaftlichen Status gehabt. In Deutschland jedoch veränderte sich ihre Position grundlegend.
Ich wusste damals wenig über ihre tatsächlichen Lebensrealitäten — weder über ihre Situation in Deutschland noch über die in ihren Herkunftsländern. Mir fehlte das Verständnis für unsichere Aufenthaltsrechte, nicht anerkannte Abschlüsse, prekäre Arbeitsverhältnisse, alltägliche Diskriminierung und den Verlust des sozialen Status.
Erst viel später, als ich selbst als Migrantin im Ausland lebte und erlebte, wie selbstverständlich meine englischen Kollegen mit Diversität umgingen und mich offen aufnahmen, erkannte ich den Unterschied — und auch meine damalige Engstirnigkeit.
Doch auch in England war ich privilegiert: Mit meiner Ausbildung, meinen Sprachkenntnissen und vor allem meinem Status als Europäerin war ich willkommen. Anderen erging es nicht so.
In den 80ern begannen viele Migrantinnen, sich zu organisieren, über Rassismus zu sprechen, für Bleiberecht und andere Rechte zu kämpfen. Für sie war die FrauenAnstiftung nicht nur ein Projekt, sondern auch eine Chance, ihre Vision eines internationalen Feminismus endlich mitzugestalten – genauso wie wir weißen deutschen Frauen.
Wenn alle Recht haben – und niemand gewinnt
In der Praxis prallten unterschiedliche Perspektiven und Interessen frontal aufeinander – und plötzlich ging es nicht mehr nur um Projektinhalte, sondern um Macht: Wer entscheidet? Wer vergibt Mittel? An wen? Die Migrantinnen wollten nicht nur teilnehmen, sondern auch mitbestimmen. Eine verständliche Forderung, die in der Praxis bei manchen weißen Frauen jedoch nicht gut aufgenommen wurde.
In den AGs bildeten sich Lager, Dominanzverhalten wurde angeprangert, und gegenseitige Vorwürfe geäußert. Die Migrantinnen erlebten sich in der FAS als diskriminiert und wollten das nicht länger hinnehmen. Sie gründeten die AG Migrantinnen, um ihre gemeinsamen Anliegen zu formulieren, Unterschiede zu klären und sich innerhalb der Stiftung zu positionieren.
Aus diesem konfliktreichen Prozess ging die Forderung nach verbindlichen Quoten hervor: 30% der Positionen in den Gremien – inklusive Vorstand und Stiftungsrat – sollten von Migrantinnen besetzt werden. Damit hatten sie nicht nur einen Platz im Raum, sondern auch echte Mitbestimmung bei der Mittelvergabe und der Personalauswahl. Im globalen Südbereich wurden Auslandsprojektbetreuungen und internationale Konferenzen so organisiert, dass Migrantinnen selbstverständlich beteiligt waren.
Neue Regeln: Tandems, Quoten und rohes Ei
Projektbetreuungen im Ausland wurden fortan im Tandem durchgeführt: eine Migrantin und eine deutsche Frau gemeinsam. Theoretisch großartig – endlich sollten verschiedene Erfahrungen und Kenntnisse zusammenkommen, statt sich gegenseitig zu blockieren.
Praktisch war es jedoch ein vorsichtiges Tasten oder, besser gesagt, ein Jonglieren mit rohen Eiern. Niemand wollte die mühsam errungene Balance wieder gefährden. Alle waren extrem bemüht, bloß nichts Falsches zu sagen, ja nicht in Fettnäpfchen zu treten und bloß nicht wieder alte Verletzungen auszulösen. Bitte keinen neuen Streit! Die gemeinsame Basis war da – aber sie wirkte äußerst zerbrechlich.
Natürlich klappte das nicht immer reibungslos. Alte Konflikte verschwinden nicht einfach, nur weil neue Strukturen eingeführt werden.
Ich habe zwei solcher Tandem-Projektbetreuungen durchgeführt.
An eine erinnere ich mich besonders: Meine lateinamerikanische Partnerin war offen und gesellig, knüpfte schnell Kontakte zu den Projektpartnerinnen, sang, tanzte und baute Beziehungen auf. Ich hingegen fand mich oft in der Rolle wieder, die weniger angenehmen, eher formalen Aufgaben zu übernehmen — Abrechnungen prüfen, Kritik formulieren, Richtlinien der Ministerien erklären.
Damals empfand ich diese Rollenverteilung als unausgewogen und fragte mich, ob darin eine stille Gegenreaktion auf die wahrgenommene „weiße Dominanz“ lag. Heute sehe ich das differenzierter. Wahrscheinlich habe ich diese Rolle auch selbst eingenommen, weil sie meinem eigenen Verständnis von Verantwortung und „korrektem“ Arbeiten entsprach — und vielleicht auch, weil ich mich darin sicher fühlte. Rückblickend ergänzten sich unsere unterschiedlichen Stärken eigentlich gut. Meine damalige Interpretation sagte wohl mehr über meine eigene Perspektive aus als über die Situation selbst.
In einer anderen Zusammenarbeit zog sich meine Partnerin zunehmend zurück. Sie war dem Arbeitspensum offenbar nicht gewachsen, kam nach langen Nächten oft zu spät und verpasste vereinbarte Telefontermine mit dem Stiftungsbüro in Hamburg. Ich nahm das damals als mangelnde Verlässlichkeit wahr und war entsprechend frustriert, weil ich unter Zeitdruck stand und vieles allein auffangen musste. Später warf sie mir vor, sie nicht ausreichend einbezogen zu haben.
Heute sehe ich auch diesen Konflikt anders. Es war weniger eine Frage von Herkunft oder strukturellen Gegensätzen, sondern vielmehr eine ganz alltägliche Arbeitssituation: Die eine ist überfordert, die andere reagiert mit Ärger und Alleingang. Solche Dynamiken entstehen in vielen Teams. Vielleicht hätte ich damals früher das Gespräch suchen müssen.
Trotzdem: es entstanden Räume, in denen Migrantinnen nicht nur „dabei“ waren, sondern auch aktiv gestalteten. Und wir lernten – wenn auch langsam und manchmal schmerzhaft –, dass „Internationalismus“ und „Vielfalt“ weit mehr sind als ein paar Flüge in den globalen Süden und gute Absichten. Sie verlangen echte Machtteilung, die Bereitschaft zuzuhören, eigene Privilegien zu hinterfragen und Konflikte auszuhalten, statt sie zuzukleistern.

Dreißig Jahre später: weniger Drama, mehr Gelassenheit
Erst viele Jahre später — fast 30 Jahre nach der Fusion der FAS mit den anderen beiden Grünen-nahen Stiftungen zur neuen Heinrich-Böll-Stiftung — trafen wir uns wieder: älter, grauer, gelassener und vielleicht auch ein wenig weiser.
Diesmal wollten wir, frei vom damaligen Druck der Mittelverteilung, frei von Konkurrenz und Machtfragen, unsere gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten. Mit dem zeitlichen Abstand, so hofften wir, sollte es möglich sein, über die Konflikte von damals zu sprechen, ohne sofort in eine Verteidigungshaltung zu verfallen — und vielleicht sogar über unsere eigene Engstirnigkeit, unser Schwarz-Weiß-Denken und unsere Empfindlichkeiten auf allen Seiten zu schmunzeln.
Das gelang zum Teil. Doch einige tun sich bis heute schwer, an den Treffen teilzunehmen, und bestimmte Themen bleiben daher vorsichtshalber ausgeklammert.
Doch vielleicht sehen wir heute klarer, dass uns mehr verbindet, als uns trennt. Und dass die konfliktreichen Jahre auch etwas Wertvolles hinterlassen haben: ein gewachsenes Bewusstsein für Rassismus und Machtverhältnisse – und die Erkenntnis, dass echte Vielfalt kein Schonprogramm ist, sondern lebendig, herausfordernd und bisweilen anstrengend.
Hätten wir das doch früher verstanden. Aber immerhin: besser spät als nie.
Lisa Luger
„Vielfalt ist unsere Stärke! Solidarität ist unsere Macht!„
Traum oder Realität?


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